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21 Apr 2018

Eigentlich ist Vereinbarkeit out

Evi Hartmann findet die Bezeichnung „work-live-balance“ schrecklich. Zumindest ist das der Tenor in ihres Debattenbeitrags „Ihr kriegt den Arsch nicht hoch“. Über vieles darin kann man sicher streiten.

Tatsächlich hat der Begriff seine Tücken. Im Handelsblattinterview wirft sie die Frage in den Raum, ob man während der Arbeit nicht lebt.

Rein biologisch sicher. Die Frage ist, will man als Leben bezeichnen, was man während der Arbeit tut? Hier geht es um Lebensqualität, also auch um die Kultur in den Unternehmen. Im Team der Women in Tech Academy gibt es viele Leute, die ganz bewusst einen individuellen Weg genommen haben. Wir wissen sehr genau, dass Arbeit und Lebensqualität nicht immer zusammenpassen. Das kann phasenweise so sein oder auch immer. Nicht alle haben die Möglichkeit die Arbeitskultur in ihrem Leben so zu bestimmen, dass sie damit glücklich sind. Um nicht zu sagen: die meisten von uns haben das nicht.

Damit Women in Tech in einer Kultur leben, die ihnen halbwegs entspricht, muss einiges getan werden und wir verstehen uns als Teil des Änderungsprozesses.

Work-Live-Balance ist das englische Wort für den etwas angestaubten deutschen Begriff „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Der Terminus kaschiert nur, dass es auch hier um „Leben“ geht, denn wir können den Leuten noch nicht vorschreiben, was sie in ihrer Freizeit tun wollen. Dass es um Familie gehen muss ist eine im negativen Sinn des Wortes konservative Ansicht.

Tatsächlich ist die Diskussion, so wie sie gegenwärtig geführt wird für Teile der Gesellschaft eigentlich überflüssig.
Wer z.B. in pflegenden Berufen arbeitet, wird sicher noch lange an Arbeitszeiten gebunden sein. Für viele ist das auch kein Nachteil, ich will hier gar kein Gegensatzpaar aufmachen und schon gar keine Wertung hereinbringen.

Aber im technischen Bereich, ist das alles jetzt schon kaum noch nötig. Die klassische Vereinbarkeit und alle mit ihr zusammenhängenden Fragen wären längst out, wenn wir die technischen und organisatorischen Möglichkeiten, die wir längst haben, nutzen würden.

Klassische Nine-to-Five-Jobs könnten längst durch leistungsbezogene Modelle ersetzt worden sein. Anwesenheitspflichten durch Erreichbarkeit. Die Teile der Wirtschaft, die sich globalisieren müssen, um bestehen zu können, sind doch bereits jetzt in der Situation, flexible Arbeitszeiten zu haben, weil die Kollegen in China oder Argentinien sich mit uns auf irgendeinen Termin einigen müssen, an dem eines normalerweise schläft.

Arbeit und Leben fließen bei vielen kleinen Unternehmen ohnehin zusammen. Wer die Versuche von Start-ups beobachtet, mit Flexibilität, Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit den großen Konkurrenz zu machen, wird wissen, dass auch die Großen nachziehen müssen oder wesentliche Geschäftsfelder verlieren werden. Warum nicht schon jetzt üben, was wir in zehn Jahren ohnehin tun müssen?
Moderne Arbeitsplätze werden das Problem Vereinbarkeit zwangsläufig aufheben. Die Frage ist nicht mehr, ob wir das schaffen, sondern wie wir es hinbekommen. Das Thema ist auch in Zukunft nicht frei von Tücken für die Gender Equality. Aber Diskussionen von gestern helfen uns nur in Unternehmen von gestern.

Die Zukunft wird andere Fragen aufwerfen. Gendergerechte Stellen- und Leistungsbeschreibungen z.B. Gesundheitsfragen und Zeitmanagement zwischen privaten und beruflichen Bereich werden Aufgabe der Unternehmen werden. Wechselnde Anforderungen, ständige Qualifikation und globale sozio-kulturelle Kompetenzen werden die Menschen in ganz neuer Weise fordern.

Wir sollten bereits jetzt darüber nachdenken.