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16 Apr 2018

Wie Unconscious Bias unsere Arbeitswelt beeinflussen

Unconscious Bias sind nicht der neueste Scheiß, auch wenn sie medial gerade zurecht als die Grundlage vieler Hindernisse auf dem Weg zur Gender Equality dargestellt werden. Im Gegenteil Unconscious Bias sind die Grundlage der Probleme, weil sie uralt sind. Ganz vereinfacht gesagt.

Wir wissen noch sehr wenig über die Funktionsweise eines Echsenhirns. Aber es ist nicht auszuschließen, dass schon die letzten gemeinsamen Vorfahren von Sauriern und Säugetieren mit einem Programmset, das wir heute als Unconscious Bias bezeichnen würden, ihr Überleben gesichert haben.

Unser Hirn denkt unbewusst in Schubladen. Es beginnt spätestens mit der Geburt jede winzige Information über Menschen mit bestimmten Charakteristika einzusortieren. Benimmt sich also der große Teil der Gesellschaft abwertend oder ablehnend gegenüber einer Gruppe, z.B. Frauen, wird das als Normalität abgespeichert.

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Eigentlich diente das Programm ursprünglich als eine Art Freund-Feind-Kennung innerhalb der eigenen Art. Das Hirn musste blitzschnell reagieren können. Einen Umweg über komplexe Hirnareale, wie Bereiche in denen bewusstes Denken stattfindet, ist dabei absolut hinderlich.
Dass viele Frauen darauf auch noch adäquat reagieren, das Spiel also mitspielen, macht die Bildung von Gender Bias nur wahrscheinlicher. Da die Gesellschaft so ist wie sie ist, tradiert die Psyche das Verhalten.

Es gibt viele Studien, die belegen, wie tief die Vorurteile in der Psyche sitzen. Selbst Menschen, die von sich denken, dass sie keine Vorurteile mehr haben, die gar nicht mehr darauf achten müssen, in ihrer Sprache genderneutral zu formulieren, die Frauen ausreden lassen, die ihnen als Vorgesetzte die gleichen Arbeiten zutrauen wie Männern usw, müssen damit rechnen, dass es irgendwo Stellen gibt, an denen ihre Unconscious Bias gegen die Genderneutralität gerichtet agieren.

Der Punkt ist, dass sie eben unbewusst – unconscious – sind und sich äußern, wenn wir gerade nicht so genau kontrollieren, was wir tun. Dort, wo wir blinde Flecken haben, wo wir die Komplexität der Zusammenhänge nicht erfassen usw.

Es gibt Studien, die nachweisen, dass selbst bei klar vordefinierten Bewertungskriterien Männer, die eben noch Männer nach diesen Kriterien beurteilt haben, die Maßstäbe plötzlich ändern, wenn sie die Arbeit von Frauen bewerten. Oder einfach nur Arbeiten, die mit einem weiblichen Namen gekennzeichnet sind. Macht man ihnen das bewusst und wartet man, bis sie einerseits ihre Unsicherheit überwunden haben (also keine zu positive Bewertung mehr einfließen lassen) und andererseits meinen, dass sie sich jetzt neutral verhalten, zeigen die Endergebnisse doch einen schlechteren Schnitt.

Damit soll keineswegs das Bemühen um Gleichwertigkeit untergraben werden. Es ist gut und wichtig. Aber die Thematik ist tiefgreifend und vielleicht nicht in ein oder zwei Generationen zu lösen. Dafür zeigt sich dennoch, dass die gesellschaftliche Arbeit daran wichtig ist. Selbst wenn wir uns heute nicht zu 100 Prozent genderneutral verhalten, wirken wir auf die kommenden Generationen.

In einigen europäischen Ländern des ehemaligen Ostblocks gibt es deutlich mehr Frauen in den Vorständen großer Unternehmen. Mehr als 40 Prozent sind es zum Beispiel in Russland, mehr als 30 Prozent in Polen. Selbst in Ostdeutschand, wo es keine großen Unternehmen mehr gibt, ist der Anteil weiblicher Leader höher. Der Grund ist einfach. In den Gesellschaften waren Frauen auch vor den politischen Umbrüchen der frühen 90er Jahre nicht gleichgestellt. Dennoch waren sie in der Arbeitswelt, auch in vielen typischen Männerberufen, „normaler“ als in Westeuropa. Zwar sind die Topleader aus dieser Ära längst in Rente. Aber die Generation, die jetzt über Posten bestimmt ist mit einem Verständnis ausgewachsen, das Frauen eine gleichberechtigte Rolle in der Wirtschaft zuspricht. Den Typus Hausfrau gab es nahezu überhaupt nicht.

Mit der Übernahme westlicher Modelle werden Frauen einerseits weitere Freiheiten erlangen, andererseits aber gerade diese Chancen wieder einbüßen.

Dennoch zeigt das Beispiel, dass Frauen eben nicht schlechter führen können, als Männer. Sondern dass es eine Frage der kritischen Masse ist, bis sich die Gesellschaft an ihr Bild auf den Chefsesseln der Unternehmen gewöhnen hat.

Erst wenn sich das menschlich Verhalten ändert, nehmen Menschen andere Impulse auf und beginnen ihre Unconscious Bias umzuprogrammieren. Das Gute ist, Unconscious Bias entstehen früh in der Entwicklung eines Kindes, sind aber kein Schicksal. Wir schreiben, wenn auch langsam, die Basis der Vorurteile ständig um, gewöhnen uns also quasi an etwas Neues.

Deshalb ist die Arbeit an diesem Thema für die Unternehmen sowohl kurz- als auch langfristig nahezu der einzig mögliche Weg, Gender Equality herzustellen. Das lässt sich übrigens auf jedes Diversity-Thema übertragen.

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